Der Mann auf dem Hügel
Tropische Hitze an der Ostküste Costa Ricas. Meine langen Hosen schützen heute meine von Sonneneinstrahlung schwarz verfärbten Oberschenkel. Seit Tagen schwärme ich Jenni von meinem neuen Reiserad vor. Es ist perfekt auf mich abgestimmt. Sie muss nur ein paar Kilometer auf meinem Rad fahren, dann wird sie sofort ihr umgebautes Mountainbike ersetzen wollen. Denke ich mir…
Jenni gibt nach, wir tauschen die Räder. Gerade als wir losfahren wollen, zögert sie. „Ich weiß gar nicht, ob du mit deinen kurzen Daumen an meine Schalthebel kommst.“ Ich teste kurz: „Ach, geht schon.“ Dann radeln wir los. Nach 200 Metern schauen wir uns an, vorsichtig fragend. Nach 500 Metern halten wir beide abrupt an. „Dein Fahrrad ist viel zu klein für mich!" – „Auf deinem Fahrrad komme ich kaum voran, das Schalten ist so umständlich!“ rufen wir fast gleichzeitig und lachen los. Und so ist es ständig auf dieser Reise: ob eigene Missgeschicke oder neugierige Costa-Ricaner – wir lachen uns durch dieses Land.
© Credit unknownAm lautesten aber lachen wir an dem Abend, an dem wir José treffen. Dabei beginnt dieser Abend alles andere als lustig. Es ist das Ende unseres ersten Tages auf dem Rad. Jenni hat vorher noch nie auf einem voll beladenen Fahrrad gesessen. Selbst für mich ist es eine komplett neue Erfahrung, auf einem anderen Kontinent radelnd unterwegs zu sein. In einem Land, vor dem uns alle gewarnt haben. Prädikat: viel zu gefährlich! Ausgerechnet an unserem ersten Fahrradtag haben wir uns – warum auch immer – keine Gedanken gemacht, wo wir schlafen werden.
Gegen Abend merken wir, dass wir in einer Gegend gelandet sind, in der es keine Unterkünfte geben wird. Wir fühlen uns zunehmend unwohl. Das Google-Suchergebnis bestätigt uns, hier gibt es: Nichts. Es wird später und später, irgendwann klingeln wir beherzt in einem Mini-Örtchen an fremden Türen. Die erste Tür: niemand antwortet. Die zweite Tür: eine Frau öffnet und antwortet dreimal auf meine sich wiederholende Frage, ob wir unser Zelt für die Nacht in ihrem Garten aufspannen könnten, dass es hier in der Gegend keinen Zeltplatz gebe. Mein Spanisch reicht nicht, um zu ihr durchzudringen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Bald wird es dunkel. Wir entscheiden uns kurzerhand, unsere Räder eine Schotterpiste den Berg hochzufahren. Auf unserer Karte sieht es aus wie eine Sackgasse, an deren Ende wir ein verstecktes Stück Erde für unser Zelt finden können.
Wir machen uns auf den Weg, doch nach ein paar Metern müssen wir von unseren Rädern steigen. Der Berg ist zu steil, wie so oft in Costa Rica. Also schieben wir die Fahrräder angestrengt die schotterbelegte Straße hoch. Wir schieben, rutschen weg, schnaufen, halten an. Und legen wieder von vorne los. Am nächsten Morgen werden wir sogar Muskelkater in den Armen haben von der Anstrengung, unsere 30kg schweren Räder den Berg hochzuschieben. Ein Auto nähert sich uns. Am Steuer der Großvater, auf dem Rücksitz der Enkel. Der Mann will uns erklären, dass es oben nicht weiter geht. Dass wir einen Berg hochschieben, nur um in einer Sackgasse zu landen. Ich sage dreimal danke, er wiederholt dreimal mit verschiedenen Worten, um uns die Situation zu erklären. Diesmal will ich nicht verstehen. Denn keiner soll wissen, dass wir dort oben unser Zelt aufspannen wollen. Er fährt irgendwann kopfschüttelnd davon.
Wir schieben weiter. Und erahnen am oberen Ende des Anstiegs einen Mann, der in seinem Garten Setzlinge in die Erde bringt. Jenni und ich sehen uns an und überlegen, ob wir ihn ansprechen wollen. Als er uns freundlich grüßt, ist die Entscheidung gefallen. José sagt sofort zu. Später wird er uns erzählen, dass ihm seine Antwort sofort klar war. Dass es Momente gibt, in denen der Bauch reagiert, bevor der Kopf zu denken anfängt.
Kurze Zeit später ist unser Zelt aufgebaut und die beiden Hunde springen freudig um uns herum. Auch Josés Frau und Tochter kommen nach Hause. Sie begrüßen uns herzlich, obwohl es für alle eine neue Erfahrung ist, spontan zwei fremde Radfahrerinnen bei sich aufzunehmen. Die beiden sprechen nur Spanisch, Josés Englisch wird zur Brücke. Er übersetzt in beide Richtungen, lacht dabei über seine eigenen Lücken. Gemeinsam kochen wir Reis und Bohnen, wie könnte es anders sein in Costa Rica. Wir werfen das Gemüse aus unseren Fahrradtaschen dazu. Die Küche ist klein, aber voller Wärme. Wegen der Aussicht seien sie hergezogen, erzählt José. Beruflich war er früher viel unterwegs. Umso wichtiger, einen kleinen Ort den ihren nennen zu können.
© José Cardero CarrilloNach und nach fällt die Anspannung von uns ab. Als wir später ins Zelt kriechen, liegt das Tal unter uns in rotgoldenem Licht, die Hügel und Vulkanausläufer stapeln sich hintereinander bis zum Horizont. Erschöpft, aber glücklich, schlafen wir ein. Am nächsten Morgen wachen wir mit einem überwältigenden Gefühl auf: die erste Nacht gemeistert zu haben, voller Vorfreude auf viele weitere Begegnungen.
José schenkt uns zum Abschied jeweils einen Schlüsselanhänger. Ich trage meinen bis heute. Wir wurden vor diesem Land gewarnt. Gefunden haben wir José – und den Mut, weiter an fremde Türen zu klopfen.
© Jana Hasenberg
© Jana HasenbergVulkanlandschaft in Costa Rica
© Jana HasenbergKapuzineraffe an der Küste

