Bella Italia – oder warum ich 15kg Marmelade auf dem Fahrrad transportierte
„Warum mache ich eigentlich den gleichen Fehler zweimal?" schimpfe ich mit mir selbst, während ich mein Fahrrad aus dem Hof schiebe. Es ist nicht nur mit meinen sieben Sachen, Zeltausrüstung und Kochgeschirr beladen, sondern auch mit 15kg selbstgekochter Orangenmarmelade. Ich werfe einen letzten Blick zurück auf das alte Bauernhaus. Nicola, mein Gefährte, ruft mir zum Abschied „Jana, sempre pedalare!" nach. Ich strampele los, um ein letztes Mal die endlosen Anstiege rund um Patti im Nordosten Siziliens zu erklimmen. Und frage mich, ob ich die Marmelade aus Frust bereits auf der Fähre aufs italienische Festland über Bord werfen werde, oder erst später auf meinem Weg Richtung Mailand.
Drei Jahre zuvor: Nicolina, meine 90-jährige WG-Mitbewohnerin, guckt skeptisch auf mein Fahrrad, das mitten in der Mailänder Wohnung steht. Beladen weit hinaus über die Grenze des Vernünftigen. Ihre ausdrucksstarke sizilianische Mimik sagt mir, dass sie mich endgültig für fahrradbekloppt erklärt hat. Wohl zu Recht. Auf dem Rad befinden sich mehrere Gepäcktaschen sowie ein Wanderrucksack auf dem Gepäckträger, gefüllt mit allem, was ich für mein Semester in Mailand brauche. Inklusive einem schweren Uralt-Laptop und original italienischen Espresso-Tassen aus Porzellan als Geschenk für meine Mutter. Als ich mich zum Testen auf das bepackte Rad setze, schwankt es bedenklich. Der Schwerpunkt liegt viel zu weit oben. „Wird schon", denke ich mir besorgt. Und mache mich auf den Weg nach Deutschland, mit meinem Fahrrad als etwas ungewöhnlichem Umzugsfahrzeug.
© Roland HasenbergItalien erwischt mich zweimal. Erst Mailand, zum Masterstudium, in einer WG mit Nicolina mit ihrer anfangenden Demenz. Dank ihrer immer gleichen Geschichten, die ich jeden Tag besser verstehe, lerne ich Italienisch. Dann Sizilien, ein paar Jahre später. Ich kümmere mich zwei Monate lang um das alte Bauernhaus, in dem Nicolina aufgewachsen ist. Beide Male fahre ich mit dem Fahrrad zurück nach Deutschland. Beide Male lerne ich dasselbe: dass es nicht die Kilometer sind, die eine Reise ausmachen.
Die Tage auf Sizilien haben eine eigene Struktur: Meditieren, einkaufen, Ausflüge mit dem Fahrrad, alte Schränke von Holzwürmern befreien. Nicola schaut beim Bauernhaus nach dem Rechten – es steht die meiste Zeit des Jahres leer – und wird dabei zu meinem inoffiziellen Führer durch die sizilianische Natur: wo ich wilden Spargel finde und wie ich Maulbeeren pflücke, ohne meine halbe Kleidung einzufärben. Den größten Schatz aber finde ich in unserem Obsthain: Orangen, die nach Sonne schmecken.
Nicola zeigt mir die Gegend rund um Patti im gewohnt sizilianischen Fahrstil: mit einer Rasantheit, bei der man als Beifahrerin lernt, entweder zu vertrauen oder die Augen zu schließen. Er nimmt mich mit zu seinem Flugsportverein – erst Segelflugzeug, die Stille in der Luft. Dann Helikopter, Lärm, und plötzlich über Kopfhörer: „Los, jetzt du!" Ängstlich greife ich den Steuerknüppel und versuche, die im Kopfhörer knarzenden Anweisungen auf Italienisch zu verstehen. Wieder mit festem Boden unter den Füßen ist da diese Ruhe, die ich nicht erwartet hatte. Irgendwann bringt Nicola mir jeden Morgen Granita – sizilianisches Wassereis aus den Zitronen unseres Obsthains. Erst esse ich aus Höflichkeit. Dann werde ich süchtig.
© NicolaIch kann nicht dabei zusehen, wie ein Großteil der leckeren Orangen zu Boden fällt und vergeht. Sie werden nicht mehr verkauft, da das hügelige Terrain des Obsthains den Betrieb unwirtschaftlich macht. Wenigstens einen Teil der Früchte will ich retten. Ich befülle ein Glas nach dem anderen mit der süßen Verführung. Verschenke immer mal wieder ein Glas an Menschen vor Ort. Doch der Vorrat wächst immer mehr. Also schicke ich kurz vor meiner Abfahrt 50kg mit einer Spedition nach Hause für Familie und Freunde. Ich verschenke viele weitere Gläser – an Nicolas Familie und an die Besitzer des lokalen Obst- und Gemüseladens.
Als der Vorrat an sizilianischer Marmelade immer noch nicht zur Neige geht, beschließe ich, fünfzehn Kilogramm auf meine Heimreise mitzunehmen. Auf früheren Radreisen hatte ich so viel empfangen. Diesmal will ich etwas zurückgeben können. Ich fahre also los mit fünfzehn Kilogramm Marmelade auf dem Gepäckträger. Jedes Glas ein potenzielles Dankeschön, eine mögliche Erinnerung – für Menschen, die ich noch gar nicht kenne. Zwei Tage Radfahren habe ich bereits in den Beinen, als ich beim Warten auf die Fähre in Palermo auf einen älteren Herrn treffe: mit Fahrrad, eine mehrtägige Radreise vor sich als lang gehegter Traum. Meine Marmelade will er verständlicherweise aus Gewichtsgründen nicht mitnehmen.
© Jana HasenbergAuf dem Festland schlafe ich ein paar Nächte auf Campingplätzen. Meine Marmelade werde ich auch dort nicht los. Ich bin schon fast eine Woche unterwegs und schleppe noch immer 15kg Marmelade mit mir herum. So langsam verzweifle ich ob des Gewichts. Es ist einfach unmöglich, dass ich ausgerechnet bei dieser Reise niemanden treffe, mit dem eine Verbindung entsteht. Kurzentschlossen drücke ich einer Dame, die mich einfach nur nach der Uhrzeit gefragt hatte, ein Marmeladenglas in die Hand. Ich gebe ihr nicht die Möglichkeit, nein zu sagen. Etwas überrascht bedankt sie sich für das unerwartete Geschenk. Ich bin erleichtert, ein paar Hundert Gramm weniger schleppen zu müssen.
Auf die Toskana hatte ich mich seit Wochen gefreut – nicht auf die Küste, die ich kenne, sondern auf das Innere. Hügelig, still, einen ordentlichen Umweg wert.
An einem dieser endlos hügeligen Tage nähere ich mich einem Bauernhaus, das mitten im Nirgendwo zu stehen scheint. „Arbeitsintegrationsprojekt" steht auf einem Schild am Eingang. Ich steige vom Rad und klopfe – wittere eine Geschichte. Der Mann, der mir öffnet, erzählt, dass hier ehemalige Häftlinge über Arbeit in der Landwirtschaft wieder Alltag und Struktur lernen, bevor sie sich wieder auf eigenen Beinen bewegen. Wir unterhalten uns lange. Erleichtert drücke ich ihm ein Glas sizilianische Sonne in die Hände – endlich ein Mensch, für den dieses Glas auch bestimmt war. Zu meiner Verzweiflung bedeutet er mir, kurz zu warten, und kommt mit einem Glas selbstgemachter Birnenmarmelade wieder heraus. Ablehnen bringe ich nicht übers Herz. Und klar ist: dieses Glas muss ich jetzt bis nach Deutschland transportieren.
Ab da gehen meine Vorräte rasant zur Neige. In der Toskana verfahre ich mich und lande am Eingang einer Militärbasis. Die Soldaten erklären mir nicht nur den Weg, sondern teilen auch ihr Lachen und ihr Mittagessen mit mir. Auf Korsika treffe ich eine Französin in meinem Alter, die in ihrem kleinen Van lebt. Wir trinken Rotwein und unterhalten uns mit Händen und Füßen – sie spricht kein Englisch, mein Schulfranzösisch ist, naja, sehr eingerostet. Und doch ist da eine Verbindung. Ich sehe in ihren Augen mein eigenes Bedauern gespiegelt, dass wir uns nicht wirklich unterhalten können. In Ligurien finde ich den verwunschensten kleinen Campingplatz mit unglaublich netten Besitzern. Und auch bei meinen vielen Gastgebern, die ihr Zuhause, ihr Essen, ihre Geschichten und manchmal sogar kleine Geschenke wie ein Buch mit mir teilen, lasse ich jeweils ein Glas Marmelade zurück.
© Jana HasenbergIm Piemont, am Passo della Boccetta, strampele ich die Trauer aus mir heraus. Die Enkelin von Nicolina hatte mir ein paar Tage zuvor geschrieben, dass ihre Großmutter gestorben war. Diese Trauer macht meine Beine schwerer als jedes Marmeladenglas es vermocht hätte. Eine menschliche Verbindung weniger. Ich ärgere mich, dass ich nicht vor Sizilien nach Mailand gefahren bin, um sie zu sehen. Nach dem endlosen Anstieg sitze ich am Straßenrand, fülle meine Energievorräte mit Nüssen und Banane und warte, bis die Beine und vor allem mein Kopf wieder wollen.
Plötzlich hält ein Auto neben mir an. Marco steigt aus, fragt interessiert nach meiner Reise. Er sei selbst Rennradfahrer, habe viele Touren gemacht. Er rät mir, meine Strecken aufzuschreiben, damit ich immer wüsste, wo genau ich gefahren bin in meinem Leben. Spontan lädt er mich zum Abendessen ein. Zwei Tage später sitze ich mit ihm und seinen Freunden in einem Restaurant in Mailand – ein perfekter Abschied aus Italien, zusammen mit Menschen, zu denen sofort eine Verbindung entstanden war. Das letzte Marmeladenglas findet seinen Platz.
Nicola hatte recht. Sempre pedalare – immer weiterfahren. Nicht wegen der Kilometer. Sondern wegen der Menschen, die man trifft, wenn man nicht aufhört. Marcos Rat, meine Strecken zu notieren, beherzige ich bis heute übrigens nicht – Kilometer zählen dürfen andere.
© Jana Hasenberg
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